Kinderstube im Stachelpanzer - Die Distelbohrfliege 

(Urophora cardui)

 

Kratzdisteln (Cirsium sp.) sind ein häufiger Anblick auf Wiesen, Brachflächen oder Straßenrändern (Abbildung 1). Wer sie sich genauer anschaut, kann mit etwas Glück an den Verzweigungsstellen (Sprossachsen) eigentümliche rundliche Gebilde finden (Abbildung 2). Derartige Auswüchse aus Pflanzengewebe werden als Gallen bezeichnet und von verschiedensten Insekten, Bakterien oder Pilzen ausgelöst, die sich von der jeweiligen Pflanze ernähren. Im Falle der Kratzdisteln sind die Gallenverursacher die Larven von Distelbohrfliegen (Urophora cardui). Die ausgewachsenen Distelbohrfliegen sind wie die meisten Bohrfliegen nur wenige Millimeter groß und besitzen bunt schillernde Augen (Abbildung 3). Eine Distelbohrfliege erkennt man am besten durch die Kombination von verschiedenen Merkmalen: Der Kopf ist hell, der Vorderkörper (Thorax) trägt einen weißen Seitenstreifen, das Schildchen (Scutellum) zwischen den Flügelansätzen ist gelb und die Flügel tragen ein markantes schwarzes Muster in Form eines verschmolzenen Doppel-Omega. Das Flügelmuster ist auch ein wichtiges Merkmal um die verschiedenen Arten der Gattung Urophora unterscheiden zu können. So verursacht Urophora stylata (Abbildung 4) ebenfalls Gallen in Kratzdisteln, wobei sich diese im aber Blütenboden der Disteln befinden. In den äußerlich normal entwickelten Distelblüten sind diese Gallen kaum zu erkennen, sie sind aber durch Abtasten als harte Gebilde zu spüren.

Abbildung 1: Acker-Kratzdisteln sind häufig an Wegrändern und auf Ruderalflächen zu finden. Sie wichtige Nahrungspflanzen für eine ganze Reihe von Insekten. Quelle: 4028mdk09, CC BY-SA 3.0

Abbildung 2: Die Gallen der Distelbohrfliege sind an den Sprossachsen von Kratzdisteln zu finden und können etwa walnussgroß werden. Quelle: gailhampshire, CC BY 2.0

Abbildung 3: Distelbohrfliegen sind gut an den schillernden Augen, dem hellen Kopf und Schildchen sowie der wellenförmigen schwarzen Flügelzeichnung zu erkennen. Quelle: Pavel Kirillov, CC BY-SA 2.0

Abbildung 4: Urophora stylata ist eine weitere Bohrfliegenart, die Gallen an den Blütenböden der Kratzdisteln bildet. Durch die Flügelzeichnung ist sie gut von Urophora cardui zu unterscheiden. Quelle: Andreas Haselböck

Abbildung 5: Geöffnete Distelgalle. Die Larve der Distelbohrfliege ernährt sich von dem Pflanzengewebe und überwintert in der verholzten Galle. Quelle: Bj.schoenmakers, CC0 1.0

Pflanzengallen und darin lebende Insekten üben seit Jahrhunderten eine Faszination auf Menschen aus. So beschrieb Professor Josef Mik bereits 1897 in einer umfangreichen Publikation (Externes PDF Dokument) den Aufbau der Distelgallen und die Entwicklung der Larven der Distelbohrfliegen. Dazu fertigte er auch detaillierte Zeichnungen seiner Beobachtungen an.

Die adulten Distelbohrfliegen sind im Mai und Juni zu finden. Dabei lassen sich die beiden Geschlechter an der Form des Hinterleibes unterscheiden. Bei Männchen ist dieser abgerundet, während die letzten Hinterleibssegmente der Weibchen schmal verlängert und zu einem Legebohrer geformt sind. Diese Segmente können für die Eiablage noch weiter ausgestülpt werden. Nach der Paarung suchen die Weibchen bevorzugt an Acker-Kratzdisteln (Cirsium arvense), aber auch an anderen Kratzdistelarten, frische Sprossachsen, also Verzweigungsstellen der Distelpflanzen aus denen Seitentriebe, Blätter oder Blüten wachsen. Dort nutzen sie ihren Legebohrer um 10 bis 15 Eier in das noch weiche Pflanzengewebe zu legen. Nachdem die Fliegenweibchen so bis zu 130 Eier gelegt haben, versterben sie nach kurzer Zeit. Bald schlüpfen aus den Eiern die kleinen weißlichen Larven die sich von dem umgebenden Pflanzengewebe ernähren (Abbildung 5). Die markanten Gallen werden durch eine lokal massiv verstärkte Zellteilung von der Wirtspflanze selbst gebildet und wachsen bis in den Herbst hinein. Ob diese Wucherungen eine physikalische Schutzreaktion der Pflanze oder eine Reaktion auf von den Fliegen abgegebene Stoffe sind, ist bislang nicht bekannt. Im Herbst fressen die Larven einen Gang nach außen, durch den sie nach ihrer Metamorphose im nächsten Jahr ins Freie gelangen. Anschließend verpuppen sich die Bohrfliegenlarven und überwintern als tönnchenförmige Puppen in den nun verholzten Distelgallen. Damit die fertig entwickelten Fliegen im Mai ihre Puppenhüllen in der Galle verlassen können, müssen sie sprichwörtlich mit dem Kopf durch die Wand. Dazu pumpen sie einen Teil ihrer Körperflüssigkeit (Hämolymphe) in eine große Blase auf ihrem noch weichen Kopf. Mit dieser Stirnblase sprengen sie den Deckel ihrer harten Puppenhülle auf und können nun die Galle verlassen (Externe Abbildung). Nach dem Schlupf schrumpft die Stirnblase und der Kopf nimmt wieder seine normale Form ein. Die ablaufende  Hämolymphe wird in die Flügeladern gepumpt, so dass sich die noch weichen Flügel voll entfalten und die Fliege aushärten kann. 

Die stacheligen Disteln bieten den Fliegenlarven eine sichere Kinderstube, da sie so vor großen Fressfeinden und dem versehentlichen gefressen werden durch Weidetiere geschützt sind. Allerdings schützen die Stacheln nicht vor winzig kleinen Erzwespen, die sich auf die Bohrfliegenlarven als Nahrung für ihren eigenen Nachwuchs spezialisiert haben. Zudem sind Distelbohrfliegen, wie auch viele andere Insekten die sich in ihren Wirtspflanzen entwickeln und dort überwintern, darauf angewiesen, dass ihre Wirtspflanzen auch bis zum nächsten Jahr stehen bleiben und nicht bereits im Herbst abgemäht werden. 

Literatur zum direkt Nachlesen

  • Bellmann, H. 2012. Geheimnisvolle Pflanzengallen. Quelle & Meyer, Wiebelsheim.
  • Chinery, M. 2012. Pareys Buch der Insekten. Kosmos, Stuttgart.
  • Mik, J. 1897. Zur Biologie von Urophora cardui. Wiener Entomologische Zeitung. 16: 4-5. (Externes PDF Dokument)


    Verfasserin: S. Bigalk