Frohnatur mit Vorliebe für Ameisen:

Der Grünspecht (Picus viridis)

 

Sein wie ein lautes, langes Lachen klingender Gesang der häufig durch Parks, Streuobstwiesen, Waldränder und Gärten schallt, ist sein wohl bekanntestes und auffälligstes Markenzeichen. Durch seine gelb-grüne Farbe ist der von der Schnabel- bis zur Schwanzspitze 30-36 cm große Grünspecht sowohl in den Bäumen als auch bei der Nahrungssuche am Boden überraschend gut getarnt und manches mal gar nicht so einfach zu finden (Abb. 1).

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Abbildung 2: Grünspecht Weibchen haben ebenso wie die Männchen einen roten Scheitel, ihr Wangenstreifen ist hingegen rein schwarz. Foto: Sonia Bigalk

 

Im Körperbau weist der Grünspecht die typischen Merkmale eines Spechtes auf: Der lange, kräftige und spitze Schnabel ist ideal, um damit Höhlen ins Holz zu zimmern. Der sogenannte Stützschwanz besteht aus speziellen sehr steifen Federn und Muskeln, und ermöglicht es den Spechten, senkrecht an Bäumen zu sitzen oder sich entlang von Baumstämmen fortzubewegen, ohne ihr komplettes Gewicht mit den Füßen halten zu müssen. Die meisten Spechte besitzen vier Zehen, von denen die beiden mittleren nach vorne und die erste und vierte Zehe nach hinten gerichtet sind (Abb. 4). Ebenfalls typisch für die meisten Spechte ist ihr wellenförmiger Flug mit langen Gleitphasen, bei denen die Flügel eng an den Körper gelegt werden. Viele Spechte trommeln, um ihr Revier zu markieren oder als Teil des Balzverhaltens, hier bildet der Grünspecht eine echte Ausnahme da er sehr selten trommelt.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Abbildung 4: Wie die meisten Spechte besitzt der Grünspecht den für Spechte typischen kräftigen Schnabel, je zwei nach vorne und zwei nach hinten gerichtete Zehen und einen Stützschwanz. Foto: Sonia Bigalk

Leckermaul mit langer Zunge

Der Grünspecht besitzt die längste Zunge unter den europäischen Spechten und kann sie bis zu 10 cm vorstrecken, was etwa einem Drittel seiner Körperlänge entspricht! Um diese lange Zunge im Schnabel unterzubringen, sind Zunge und Zungenboden bogenförmig im Kopf platziert, so dass sie sich bis in die Halsregion hinunter wölben. An der Spitze ist die empfindliche Zunge mit feinen Haken besetzt (Abb. 5) und wird mit Hilfe des zähen und klebrigen Speichels zu einem idealen Werkzeug um Ameisen und ihre Brut, die die Hauptnahrung des Grünspechtes bilden, aus ihrem Bau herauszuholen. Im Frühjahr und Sommer ernähren sich Grünspechte hauptsächlich von bodenbewohnenden Weg- und Wiesenameisen (Lasius spp.) (Abb. 6) im Winter häufiger von Waldameisen (Formica spp.), deren hügelförmige Nester dann leichter zu erreichen sind und nicht erst mühsam ausgegraben werden müssen. Der Grünspecht ist hochspezialisiert und abhängig von der Verfügbarkeit von Ameisen, auch wenn gelegentlich Schnecken, Würmer, andere Insekten, Beeren und Früchte verzehrt werden.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Abbildung 6: Die schwarze Wegameise (Lasius niger) gehört zu unseren häufigsten im Erdboden lebenden Ameisen und ist dadurch eine der wichtigsten Nahrungsquellen des Grünspechtes. Foto: Katja Schulz Katja Schulz from Washington, D. C., USA, Black Garden Ant tending Citrus Mealybug (16063538972)CC BY 2.0

Ameisen dienen dem Grünspecht nicht nur als Nahrungsquelle, beim sogenannten „Einemsen“ verwenden viele Spechte und einige Singvögel die wehrhaften Insekten zur Körperpflege. Vermutlich sollen durch die abgegebene Ameisensäure Parasiten, Pilze und Bakterien abgetötet werden. Man unterscheidet zwischen dem aktiven Einemsen, bei dem die Ameisen mit dem Schnabel über die Federn gestrichen werden und dem passiven Einemsen, bei dem die Vögel sich mit gespreizten Flügeln in einen Ameisenhaufen oder eine Ameisenstraße setzen und die Ameisen über ihren Körper laufen lassen. Für das Einemsen beliebte Ameisenarten sind die schwarze Wegameise (Lasius niger), gelbe Wegameise (Lasius flavus) sowie die deutlich größeren Roten Waldameisen (Formica rufa).

Vorsicht Verwechslung: Nicht jeder grüne Specht ist ein Grünspecht

Verwechselt werden kann der Grünspecht hier hauptsächlich mit seiner nahe verwandten Schwesterart, dem Grauspecht (Picus canus). Da beide Spechtarten häufig auf dem Boden zu sehen sind und dort vor allem nach Ameisen jagen, werden sie zu den sogenannten „Erdspechten“ gezählt. Auf den ersten Blick ähneln sich Grün- und Grauspecht stark, da sie beide die typische Farbkombination aus oliv-grünem Rücken und Flügeln, gelben Bürzel, schwarz-weiß gebänderten Handschwingen und hellem Bauch aufweisen. Dem Grauspecht fehlt jedoch der markante und gut sichtbare rote Scheitel des Grünspechtes, lediglich Grauspecht-Männchen besitzen einen roten Stirnfleck (Abb. 7) während der Rest des Kopfes einheitlich grau gefärbt ist. Auch die markante schwarze Gesichtsmaske des Grünspechts ist beim Grauspecht auf eine schmale Binde um die bernsteinfarbenen Augen und einen dünnen schwarzen Wangenstreif reduziert, die ihm einen etwas freundlicheren Gesichtsausdruck verleihen. Auf größere Distanz lassen sich beide Arten auch gut an ihrem Gesang unterscheiden: Während der Gesang des Grünspechtes an ein durchgängig lautes Lachen erinnert klingt der Gesang des Grauspechtes melodiöser, wehmütig und melancholisch, da die einzelnen Töne zum Ende der Strophe hin leiser und langsamer ausgestoßen werden.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Abbildung 1: Trotz ihrer kontrastreichen Kopffärbung sind Grünspechte inmitten einer Wiese häufig gar nicht so leicht zu entdecken Foto: Sonia Bigalk

Entsprechend ihres Namens besitzen Grünspechte kräftig gelbgrün bis graugrün gefärbten Rücken und Flügel, der Bürzel (die Gefiederregion zwischen Rücken und Schwanzfedern) ist gelb, Brust und Bauch beige-grau. Die Handschwingen und die äußeren Schwanzfedern sind schwarz-weiß-gebändert und meist nur im Flug zu sehen. Aus der Nähe fällt bei erwachsenen Grünspechten besonders die kontrastreiche Kopfzeichnung auf, der Scheitel ist bei Männchen und Weibchen von der Schnabelspitze bis in den Nacken kräftig rot gefärbt, darunter tragen sie eine breite schwarze Maske um die weißen Augen. Von der Schnabelbasis abwärts zieht sich zudem ein breiter Wangenstreif, der bei weiblichen Grünspechten rein schwarz (Abb. 2) und bei den Männchen schwarz mit einem kräftigen roten Fleck in der Mitte ist (Abb. 3). Junge Grünspechte sind zunächst am ganzen Körper kräftig schwarz und auf Scheitel und Rücken hell gefleckt, wodurch ihre Gesichtszeichnung zunächst sehr verwaschen erscheint. Die weißen Augen, die ihnen den für Grünspechte typischen intensiven, starren Blick verleihen, haben sie bereits von klein auf.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Abbildung 3: Männliche Grünspechte sind gut an dem rot-schwarzen Wangenstreif zu erkennen. Foto: Sonia Bigalk

Grünspechte bewohnen offene Waldränder, Streuobstwiesen, extensiv genutzte Wiesen mit lockerem Baumbestand und seit den 1990er Jahren auch zunehmend Parks, Gärten und Stadtbrachen mit altem Baumbestand, in dem sie brüten können. Da sie auf bodenlebende Ameisen als Hauptbestandteil ihrer Nahrung angewiesen sind, ist ihr Vorkommen eng mit dem Vorhandensein der Ameisen verbunden. Häufig sind Grünspechte sogenannte Standvögel, das heißt, sie verbringen den Winter in ihrem Brutareal, einige Populationen ziehen jedoch auch in Winterquartiere. Bereits im frühen Frühjahr beginnen Grünspechte mit dem Nestbau, dabei muss es nicht jedes Jahr eine neue Bruthöhle sein, häufig werden bestehende Bruthöhlen wiederverwendet oder ausgebaut. Meist werden zusätzlich Höhlenanfänge in geeignete Nistbäume gehackt, die dann erst einmal eine Weile ausfaulen bis die Grünspechte daraus eine fertige Bruthöhle zimmern. Die Bruthöhlen sind lediglich mit einer Schicht frischer Holzspäne gepolstert, wenn das Grünspechtweibchen zwischen Mitte April und Anfang Mai mit der Eiablage beginnt. Dabei wird täglich ein Ei gelegt und das fünf bis acht Eier zählende Gelege erst bebrütet, wenn das letzte Ei hinzu gekommen ist, so ist gewährleistet, dass die Küken nach etwa 15 Tagen Brutzeit relativ zeitgleich schlüpfen. Danach werden die Küken drei bis vier Wochen von ihren Eltern mit Ameisen sowie deren eiweißreichen Larven und Puppen gefüttert, bis sie die Bruthöhle verlassen. Anschließend bleiben die jungen Spechte noch einige Wochen, meist bis in den August hinein, bei ihren Eltern bis sie komplett selbstständig sind. Gegen Ende des Jahres sind die Jungen Spechte bereits geschlechtsreif und können im Frühjahr eigenen Nachwuchs aufziehen. Grünspechte brüten nur einmal im Jahr, geht das Gelege zu Beginn der Brut verloren, können bis in den Juni hinein bis zu zwei Nachgelege produziert werden.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Abbildung 5: Die Zunge dieses Grünspecht-Weibchens kann bis zu 10 cm lang sein, die kleinen Wiederhaken an der dunkleren Zungenspitze und der klebrige Speichel machen sie zu einer idealen Ameisenangel. Foto: Sonia Bigalk
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Abbildungen 7: Der Grauspecht (Picus canus) kann leicht mit dem Grünspecht verwechselt werden, ihm fehlt jedoch die breite schwarze Maske und das weiße Auge des Grünspechts. Foto:  Francesco Veronesi from Italy, Grey-headed Woodpecker - Italy S4E5692CC BY-SA 2.0

Botschafter für Streuobstwiesen

Der Grünspecht wurde von NABU und dem bayrischen Landesbund für Vogelschutz zum Vogel des Jahres 2014 gewählt. Dadurch soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Grünspecht-Bestände sich nach massiven Einbrüchen zwischen den 1960er und 1980er Jahren zwar wieder erholen, da sie zunehmend städtische Lebensräume wie Gärten und Parks erobern. Ihre natürlichen Lebensräume wie zum Beispiel artenreiches, extensiv genutztes und dadurch mageres Grünland und Streuobstwiesen mit altem Baum- und Totholzbestand, die für viele Tier- und Pflanzenarten wichtige Lebensräume sind, nehmen seit Jahren jedoch weiterhin ab.

Literatur zum direkt Nachlesen

  • Hölzinger J., Mahler U. 2002. Die Vögel Baden-Württembergs Band 2.3 – Nicht-Singvögel 3. Ulmer Verlag.
  • Svensson L., Mullarney K., Zetterström, D. 2011. Der Kosmos Vogelführer, Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Kosmos Verlag.
  • Weigl S., Benedetter-Herramhof A. 2015. Spechte – hör mal, wer da klopft! Kataloge des Österreichischen Landesmuseums.

Verfasser: S. Bigalk