Der Tiegerschnegel
Nackt, schleimig und sehr gefräßig – ein Tier mit solchen Eigenschaften hat keine guten Aussichten, der beste Freund des Menschen zu werden. Vor allem Gartenbesitzer sind nicht sehr erfreut, wenn sich derartige Kriechtiere im Garten herumtreiben: Nacktschnecken. Aber Nacktschnecke ist nicht gleich Nacktschnecke. Es gibt die bekannten Arten, die sich gerne über frischen Salat und andere lebende Pflanzen hermachen. Daneben existieren aber auch Arten, die sich hauptsächlich von Pilzen, Algen und verfaulten Pflanzenteilen ernähren. Zu diesen gehört die Familie der Schnegel (Limacidae). Einer der auffälligsten Vertreter ist der Tigerschnegel, Limax maximus (Abb. 1).
Abbildung 2: Tigerschnegel treten in unterschiedlichen Farbvariationen auf. Die Abbildung zeigt einen getupften Limax maximus. Foto: Martina Eleveld schnegel.at/limax_maximusNackter Riese im Raubkatzenlook
Der Tigerschnegel fällt sowohl durch seine Größe, als auch seine Körperfarbe auf. Diese Nacktschnecken sind meist zwischen 10 und 15 cm lang. Einige Exemplare erreichen jedoch eine stolze Länge von bis zu 20 cm. Was die Färbung angeht, sind Tigerschnegel sehr vielfältig: Meist ist die Grundfarbe beige, bisweilen aber auch graubraun oder hell-rötlichbraun (Abb. 2). Eine Besonderheit ist die Musterung, die den Tigerschnegeln ihren Namen gegeben hat: Sie besitzen schwarze Flecken oder Streifen, die an die Fellzeichnung von Raubkatzen erinnern (Abb. 3). Da sich Farbe und Musterung unter den Tieren oft sehr stark unterscheiden, geht die neuere Forschung davon aus, dass es sich nicht um eine einzige Art, sondern um mehrere verwandte Arten handelt. Da diese wissenschaftlich noch nicht abgegrenzt wurden, betrachten Forscher die Varianten derzeit als eine „Sammel-Art“.
Was fast alle Tigerschnegel gemeinsam haben, außer der schwarzen Musterung, sind eine rötlichbraune Färbung der Fühler und eine einfarbig weißliche Sohle. Der Körper ist langgestreckt und besitzt im hinteren Drittel einen Kiel. Im vorderen Bereich befindet sich, im Inneren verborgen, der ca. 5 mm langer Rest einer Kalkschale. Dies ist ein letztes Überbleibsel aus der Entwicklungsgeschichte der Nacktschnecken. Es zeigt, dass sie keinesfalls schon immer nackt waren. Sie stammen von Gehäuseschnecken ab (Abb. 4)
Abbildung 5: Bei der Paarung umschlingen sich die Tigerschnegel mit ihren Körpern und seilen sich gemeinsam von einer erhöhten Position aus ab. Bild: Ira Richling, Naturkundemuseum Stuttgart. naturportal-suedwest.de
Ein waschechter Nützling
Der Tigerschnegel besteht, wie alle Schnecken, zu einem Großteil aus Wasser. Die Weichtiere können ihren Feuchtigkeitshaushalt dabei nicht selbst beeinflussen und müssen daher immer Angst vor dem Austrocknen ihres Körpers haben. Um sich zu schützen, halten sich Tigerschnegel bevorzugt an feuchten Orten auf und sind nachts aktiv. In der kühlen Abendluft und der schützenden Dunkelheit machen sie sich auf Futtersuche. Tigerschnegel ernähren sich überwiegend von Pilzen, Algen und fauligen Pflanzenresten. Aber Kot und Aas verschmähen sie ebenfalls nicht. Gesunde, lebende Pflanzen werden dafür allerhöchstens versuchshalber ein bisschen angeknabbert. So räumen Tigerschnegel in der Natur auf und sind waschechte Nützlinge. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, machen sie sich auch über Schneckeneier und lebende Nacktschnecken her.
Akrobatisches Liebesspiel in schwindelerregender Höhe
Wie alle Nacktschneckenarten in Deutschland, sind auch Tigerschnegel sogenannte „Zwitter“. Das bedeutet, dass es keine Unterscheidung in Männchen und Weibchen gibt, stattdessen besitzt jedes Tier beide Geschlechter. Während der Paarung befruchten sie sich gegenseitig. Tigerschnegel sind hierbei besonders gut „bestückt“: Ihr Penis ist etwa so groß wie ein Drittel der eigenen Körpergröße. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit im Sexleben der nackten Riesen. Treffen sich zwei Tigerschnegel zur Paarung, werden sie zu wahren Liebeskünstlern: Die beiden Schnecken suchen eine erhöhte Position. Dort kriechen sie zum Vorspiel stundelang im Kreis, immer Kopf an Schwanz. Dabei sondern sie eine große Schleimmenge ab, die sich im Zentrum ihrer Kreisbewegung sammelt. Anschließend umschlingen sich die Tigerschnegel gegenseitig mit ihren Körpern. Beide Partner sondern jeweils einen Schleimfaden aus dem Hinterleib ab, an dem sie sich – immer noch fest umschlungen – bis zu 40 cm nach unten abseilen (Abb. 5). In dieser Position befruchten sie sich gegenseitig mit ihrem jeweiligen Penis. Nach der akrobatischen Luftnummer ist es mit der Romantik jedoch rasch vorbei: Ein Tier lässt sich zu Boden fallen, das andere kriecht am Schleimfaden wieder empor. Die Eier werden zumeist erst Monate später in feuchten Verstecken oder unter Moos abgelegt (Abb. 6). Aus diesen 100 bis 200 glasklaren Eiern schlüpfen nach einigen Wochen Jungschnecken aus. Sie werden im darauffolgenden Jahr geschlechtsreif. Die Lebenserwartung eines Tigerschnegels beträgt etwa zwei bis drei Jahre.
Wo der Tigerschnegel zu finden ist
Die ursprüngliche Heimat des Tigerschnegels liegt wahrscheinlich in Südwesteuropa. Über die vergangenen Jahrhunderte hinweg, wurde er von dort aus sogar bis nach Übersee verschleppt. In Deutschland kommen Tigerschnegel ziemlich häufig vor und stehen nicht auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. Sie leben in sehr vielfältigen Lebensräumen: In der Natur findet man sie zumeist in Wäldern, auf Waldwiesen und in Heckenlandschaften. Aber sie sind auch Kulturfolger, die in Städten und Dörfern ein Zuhause finden. Dort bevorzugen sie Gärten, feuchte Keller, Ruinen und alte Mauern. Die Chancen darauf, eines dieser faszinierenden Tiere zu entdecken, stehen somit ziemlich gut. Gartenbesitzer dürfen sich freuen, wenn sie ein Exemplar in ihrem Reich finden – obwohl es eine Nacktschnecke ist. Als solche fällt der Tigerschnegel jedoch oft diversen Schneckengiften zum Opfer, obwohl er in Wahrheit ein Nützling ist. Es empfiehlt sich daher, bei der Schneckenbekämpfung auf giftfreie, alternative Möglichkeiten zurückzugreifen. Einige effektive Ratschläge gibt hierfür beispielsweise der NABU Niedersachsen auf seiner Website, unter https://niedersachsen.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/tipps-haus-garten/22930.html. Stand: 08.04.2026.
Geschrieben von M. Jensch
Abbildung 6: Tigerschnegel legen 100 bis 200 glasklaren Eier in feuchten Verstecken oder unter Moos ab. Bild: Lokilech, Tigerschnegel Eiablage, https://de.wikipedia.org/wiki/Tigerschnegel#/media/Datei:Tigerschnegel_Eiablage.jpg, CC BY-SA 3.0.Literatur zum direkt Nachlesen
- NABU Brandenburg: Tigerschnegel in Brandenburg. Das Glück hängt am seidenen Faden, https://brandenburg.nabu.de/tiere-und-pflanzen/sonstige-arten/14764.html. Stand: 07.04.2026.
- NABU Niedersachsen: Der Tigerschnegel. Ein Artenporträt, https://niedersachsen.nabu.de/tiere-und-pflanzen/sonstige-arten/schnecken/arten-niedersachsen/10513.html. Stand: 07.04.2026.
- NABU Niedersachsen: Die Schnecken sind unterwegs. Tipps zum Umgang mit den schleimigen Gartenbewohnenden, https://niedersachsen.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/tipps-haus-garten/22930.html. Stand: 08.04.2026.
- Prof. Dr. Robert A. Patzner: Weichtier des Jahres, 2018+2019: Tigerschnegel , https://naturschutzbund.at/weichtier-leser/items/id-20182019-tigerschnegel.html. Stand: 07.04.2026
- Wiese, Vollrath (2024): Die Landschnecken Deutschlands. Finden – Erkennen – Bestimmen. 3. durchgesehene Auflage.