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Der Wiesenknöterich (Polygonum bistorta)

 Arterhalt durch Vertragsnaturschutz


ACHTUNG TERMIN-SACHE in der Landwirtschaft: Der „gemeinsame Antrag“ muss bis zum 15. Mai eingereicht werden. Wer Bunte Wiesen bewirtschaftet kann dies im Vertragsnaturschutz fördern lassen, denn der Erhalt und die Entwicklung der Artenvielfalt liegen im öffentlichen Interesse.”

Hinter diesen eher juristisch anmutenden Worten verbirgt sich die Tatsache, dass es eine Anerkennung für landwirtschaftliche Betriebe gibt, die neben der Produktion von Lebensmitteln auch einen unverzichtbaren Beitrag zum Naturschutz leisten.

Im April ist es an der Zeit, die Wiesenflächen zu begehen und die relevanten Arten zu notieren. 

In großem Bestand zeigt der Wiesenknöterich (Polygonum bistorta) mit seinen vielen hundert rosa Blütenständen, wo man besser nicht durch die Wiese geht. Denn da wird es besonders nass sein.

Diese Feuchtwiese (Abb. 1) steht seit vielen Jahren im Vertragsnaturschutz und das mit Recht. Nirgendwo im weiten Umkreis kann man eine solche Artenvielfalt in einer Feuchtwiese bewundern.

Die Wiese ist durch eine wasserundurchlässige Bodenschicht im hier anstehenden Schwarzen Jura (Lias) überall sumpfig. Die rosa Blüten des Wiesenknöterichs sind ungefähr so lang wie der kleine Finger und sie sehen wie kleine Flaschenbürsten aus. Manchmal sagen die Kinder „Zahnbürsten“ dazu. Er wird auch Schlangen-Knöterich genannt, weil seine unterirdischen Teile (Rhizom) schlangenförmig gewunden sind, aber vielleicht auch, weil die Stängel und Blätter sehr glatt sind. Sie fühlen sich immer ein bisschen kühl an. Mit kurzen Hosen durch diese Wiese zu gehen, kann den Schrecken hervorrufen, man hätte eine Schlange berührt.

Wenn die Blütenstände erscheinen, sind die Pflanzen ungefähr kniehoch. Als erstes werden die Pollen abgegeben. Der Pollen ist der “männliche Teil” einer Blüte. Reift dieser zuerst, spricht man von „streng vormännlich“ (Proterandrie). Dies verhindert eine Selbstbestäubung. Der intensive Duft der Blüten wird vom Pollenkitt ausgesendet. Er lockt die Insekten aus weiter Entfernung an. Das Summen und Brummen der Wildbienen führt den stillen Beobachter zum rosafarbenen Blütenmeer.

Die weiblichen Teile der Blüten schlafen so lange in jungfräulicher Ruhe, bis alle Pollen abgegeben sind. Dann sind sie an der Reihe. Eine zweite Phase der Insektenbesuche beginnt. Die Befruchtung kann erfolgen. Danach entwickeln sich die Samen. Die darin wohl behüteten Embryonen des Knöterichs begeben sich nun auf die Reise in ihr unabhängiges Leben. Auch Pflanzen müssen „die Kinder gehen lassen“. Nur so werden sich diese bei geeignetem Lebensraumangebot zu eigenständigen Individuen entwickeln und ein neuer Lebenszyklus beginnt.

Die reifen „Nüsschen-Früchte“ verbergen sich in der luftigen Blütenhülle und können dadurch gut schwimmen. Das zeigt, dass der Wiesenknöterich an feuchte Standorte gebunden ist und oft an Bachufern vorkommt. Ist der Boden feucht, aber es ist kein fließendes Gewässer vorhanden, wäre die Ausbreitung gefährdet. Huftiere können die Samen ebenfalls verbreiten. Das wurde immer wieder beobachtet. Im frischen Futter kommen die Samen zu den Rindern, Schafen und Ziegen, natürlich auch zu den Rehen und anderen Wildtieren. Vielleicht passieren sie die Verdauung unbeschadet und können danach - gut gedüngt - wieder auf einen geeigneten Standort gelangen. Das geht bei vielen Pflanzen so.

Der dichte Bestand zeigt, dass die Pflanze sich aber auch vegetativ vermehren kann, ohne Sex, durch Teilung der unterirdisch lebenden Zellen.


Die Schmetterlinge des Wiesenknöterichs

Blauschillernde Feuerfalter (Lycaena helle) und Randring-Perlmutterfalter (Boloria eunomia) können nur dort leben, wo der Wiesenknöterich wächst. Die Raupen der beiden extrem seltenen Schmetterlingsarten ernähren sich ausschließlich von den Blättern des Wiesenknöterichs. Etwas Anderes können sie nicht essen. Eine späte Mahd zur Futtergewinnung ist sehr notwendig, um den zarten Raupen ein Überleben in der Wiese zu ermöglichen. Hier greift der Vertragsnaturschutz.
Abbildung 1: Die Feuchtwiese, mit einem auffällig großen Bestand des Wiesenknöterichs, ist seit vielen Jahren mithlfe des Vertragsnaturschutzes erhalten geblieben. Foto: L. Domdey-Kunz

Abbildung 2: Die Kuckuckslichtnelke blüht nur dann, wenn im Boden ununterbrochen genügend Wasser zur Verfügung steht. Foto: L. Domdey-Kunz

Abbildung 3: Aus der Blüte des Kleinen Sumpfbaldrians ragen die oberen Teile der Fruchtblätter hervor, Staubblätter sind nicht zu entdecken. Also ist es ein Weibchen. Foto: L. Domdey-Kunz

Artenreichtum der Feuchtwiese

Durch den Vertragsnaturschutz werden vielfältige Lebensräume als Ganzes erhalten, nicht nur einzelne Arten geschützt. Hierfür ist eine regelmäßige Begehung erforderlich, um die darin vorkommenden Arten zu erfassen und zu melden.

Für die Landwirte und Landwirtinnen ist es notwendig, die sogenannten Kennarten in einem vorgefertigten Erfassungsbogen (siehe Literaturverzeichnis unten) anzukreuzen. Ein Geländeprotokoll ist nicht verpflichtend, aber es ist hilfreich für die nächsten Begehungen. Ein paar zusätzliche Notizen und ein paar Fotos können so auch die Entwicklung in der Vergangenheit dokumentieren und Zukunftsperspektiven eröffnen. Wenn die Begehung geplant wird, kann man kurz vorher lesen, was zu erwarten ist und worauf man achten muss.

Der folgende Text ist aus dem Geländeprotokoll vom 15. Mai 2025 zitiert:

Der Wiesenknöterich ist nicht alleine. Kuckuckslichtnelke (Lychnis floscuculi) (Abb. 2) und Rote Lichtnelke (Silene vulgaris) wachsen durcheinander. Die Blüten der Kuckuckslichtnelken sehen fast ein bisschen strubbelig aus. Im Bestimmungsschlüssel steht: „Kronblätter 5, tief in 4 Zipfel geteilt, rosarot“. Die Blüten der Roten Lichtnelken sind dunkler: „Kronblätter 5, rot, tief zweilappig“. Zum Teil hat die Samenbildung begonnen. Der kleine, unauffällige Sumpfbaldrian (Valeriana dioica) (Abb. 3) ist schwer zu entdecken. Es gibt männliche und weibliche Pflanzen auf der Wiese, das lässt hoffen. Doch durch die lange Trockenzeit sind inzwischen nur noch wenige Exemplare vom Massenvorkommen der Vergangenheit übrig geblieben. Die Bachnelkenwurz (Geum rivale) (Abb. 4) hat Früchte, die ein bisschen wie winzige Igel aussehen, aber auch noch ein paar wenige Blüten. Das Sumpf-Vergissmeinnicht (Myosotis palustris) ist völlig verblüht, aber es wurde in diesem Frühjahr gesehen. Ebenso gab es Blüten von Sumpfdotterblumen (Caltha palustris) und Schlüsselblumen (Primula elatior). Fruchtstände zu finden ist eine große Herausforderung. Trollblumen (Trollius europaeus) und Kohldisteln (Cirsium oleraceum) sind in den vergangenen trockenen Jahren aus dieser Feuchtwiese verschwunden. Es gibt aber Hoffnung für die Zukunft. Es hat wieder mehr geregnet und die Wiese ist sehr nass.
Abbildung 4: Mit Hilfe der letzten Blüten in diesem Jahr lässt sich die Pflanzenart sicher bestimmen: Die Bachnelkenwurz hat filigran rot geäderte, durchscheinende Blütenblätter, die zwischen den dunkleren Kelchblättern nur wenig hervorragen. Dunkelgelb stehen Stempel und Staubblätter in der Mitte, dicht gedrängt, im Kreis beieinander. Viele Blüten aus dem frühen Frühjahr sind bereits befruchtet worden und reifen zu kugeligen Samenständen heran. Foto: L. Domdey-Kunz

Literatur zum direkt Nachlesen

  • Schauer, Thomas / Caspari, Claus und Stefan: Der illustrierte Pflanzenführer, BLV 2020 Gräfe und Unzer Verlag GmbH München, 14. Auflage 2024  
  • Bellmann, Heiko: Der neue Schmetterlingsführer, Frankh-Kosmos Verlag Stuttgart 2003
  • Kennarten des Artenreichen Grünlands im Rahmen der Öko-Regelung 5 und FAKT II, Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg, Kernerplatz 10, 70182 Stuttgart 2023
  • Erfassungsbogen 2025, Kennarten/-gruppen des artenreichen Grünlands ÖR5/FAKT II B3.2, Amtliches-Formular-Kennarten.pdf 2025
  • Infoblatt Natura 2000: Wie bewirtschafte ich eine FFH-Wiese? Ministerium für den Ländlichen Raum, Kernerplatz 10, 70128 Stuttgart 2016
  • www.foerderung.landwirtschaft-bw.de

Verfasst von: L. Domdey-Kunz