Wildbienen willkommen!
Mythen und Fakten rund um Wildbienen-„Hotels“
Warum ist der Begriff „Wildbienenhotel“ eigentlich nicht richtig?
Mit dem Begriff „Hotel“ verbinden wir Menschen meist eine Unterkunft, in der Gäste komfortabel übernachten können. Und genau da besteht das Missverständnis: Die Nisthilfen, mit denen wir den Wildbienen etwas Gutes tun wollen, sind viel mehr als eine Übernachtungsgelegenheit. Hier legen Wildbienenweibchen mehrere Brutzellen an, in die sie jeweils eine ausreichende Menge Pollen und ein Ei legen. Aus diesem Ei schlüpft die Larve, die den Pollenvorrat auffrisst und sich anschließend in einem Kokon verpuppt. Daher ist es besser, den Begriff „Nisthilfe“ zu verwenden, denn schließlich sollen sich die Wildbienen hier niederlassen.
Bei der Gehörnten Mauerbiene (Osmia cornuta) ist der Nachwuchs zum Ende des Sommers bereits voll entwickelt und überwintert in seiner Brutzelle als „erwachsenes´“ Insekt. Als eine der frühen Wildbienen schlüpfen die Männchen der Gehörnten Mauerbiene bereits Anfang März, die Weibchen sind eine bis zwei Wochen später dran.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Wildbienen und Honigbienen?
Der größte Unterschied liegt in ihrer Lebensweise. Honigbienen sind für ihre eusoziale Lebensweise bekannt, das heißt sie bilden ein Volk mit einer Eier legenden Königin, mehreren tausend Arbeiterinnen und (zumindest zeitweise) Männchen, den sogenannten Drohnen. Ihre Arbeitsteilung und ihre Kommunikation, bei der sich die Arbeiterinnen durch den Schwänzeltanz über die besten Nahrungssammelstellen austauschen, sind weithin bekannt. Dem gegenüber steht ein Großteil unserer 604 Wildbienenarten, die passend auch als Solitärbienen bezeichnet werden. Sie bilden keine Völker; jede Biene ist für sich und die Versorgung ihres Nachwuchses selbst verantwortlich. Da Wildbienen in der Regel nur relativ kurze Flugzeiten von maximal acht Wochen haben, treffen die meisten Wildbienen ihren Nachwuchs nie.

Fun Fact
Bei der Gehörnten Mauerbiene ist es ganz einfach, die Männchen von den Weibchen zu unterscheiden: Die Männchen sind etwas kleiner und sehen durch ihre weiße Behaarung im Gesicht aus, als hätten sie einen Schnurrbart. Weibchen haben im Gesicht schwarze Haare und zwei kleine Hörnchen, die ausschlaggebend für den Namen „Gehörnte Mauerbiene” sind.
Und was ist eigentlich mit den Hummeln?
Hummeln gehören zu den Wildbienen, obwohl ihre Lebensweise der von Honigbienen ähnelt. Hummeln bilden Völker, jedoch mit deutlich weniger Tieren als Honigbienen. Im Hummelvolk gibt es ebenfalls eine Arbeitsteilung zwischen der Königin, die Eier legt und somit die Fortpflanzung übernimmt, und den Arbeiterinnen, die die Königin und den Nachwuchs versorgen. Im Gegensatz zur Königin der Honigbienen verfügen Hummelköniginnen jedoch über keine speziellen körperlichen Anpassungen an diese Lebensweise, sie sehen aus wie eine groß geratene Arbeiterin. Diese Lebensweise wird als „primitiv eusozial“ bezeichnet und ist neben den Hummeln auch bei einigen Furchenbienenarten zu beobachten.
Wie sieht die perfekte Nisthilfe aus?
Ungefähr 20 der in Deutschland vorkommenden Wildbienenarten nisten in vorhandenen Hohlräumen. Sie kommen damit als Nisthilfen-Bewohner in Frage. Die meisten dieser Wildbienen bevorzugen Löcher mit 3 bis 9 Millimetern Durchmesser. Anders als bei den meisten Wildbienen-”Hotels”, die man im Handel findet, sollten die Hohlräume bis zu 20 cm, mindestens jedoch 10 cm lang sein, damit die Wildbienen mehrere Brutzellen hintereinander anlegen können. Die Nisthilfe sollte gut gegen Regen geschützt und voll besonnt sein.
Wie baue ich eine Nisthilfe?
Wer selbst aktiv werden will, ist mit Bambusröhrchen mit Innendurchmessern zwischen 3 und 9 mm gut beraten. Diese werden hinter den verdickten Knoten abgeschnitten, sodass der natürliche Verschluss des Bambusröhrchens die Rückwand bildet. Sollten sich über die Länge von 10-20 cm mehrere solcher Knoten befinden, können die Verschlüsse mit einem Bohrer oder einem Stab durchbrochen werden. Dabei ist es wichtig, eine möglichst glatte Innenwand zu schaffen, bei der über die gesamte Länge keinerlei Splitter entstehen. Die Röhrchen können anschließend in Bündeln zusammengeschnürt oder in einer vorhandenen Begrenzung (z.B. ein Holzkasten oder Konservendosen) waagerecht angeordnet werden.
Alternativ eignet sich auch Holz mit Bohrlöchern, die natürliche Fraßgänge von Käfern nachahmen. Hierfür ist Hartholz, z.B. von Eiche, Buche, Esche und Hainbuche besonders zu empfehlen. Die Bohrlöcher sollten auch hier einen Durchmesser von 3 bis 9 Millimeter haben, hier ist eine Tiefe von ca. 10 cm ausreichend. Bei Bohrungen ist es wichtig, dass das Holz keine Risse bekommt, durch das Feuchtigkeit und Parasiten eindringen können. Um Risse zu verhindern, empfiehlt sich ein Abstand von ca. 1 cm zwischen den Bohrlöchern. Bei Stammstücken ist es wichtig, immer quer zur Maserung, also nicht ins Stirnholz, sondern von der „Rindenseite” zu bohren. Auch hier ist essenziell, dass die Oberfläche frei von Splittern ist, was mit Sandpapier und ein wenig Geduld gut gelingt.
Hilfe, meine Nisthilfe wird nicht besiedelt - was tun?
Wird eine Nisthilfe nicht besiedelt, kann das verschiedene Gründe haben. Städte sind mit ihrem warmen Mikroklima und dem diversen Blütenangebot oftmals attraktive Lebensräume, wo besonders die Gehörnte Mauerbiene und ihre Verwandte, die Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis), nahezu überall vorkommen. Somit ist in den allermeisten Fällen auszuschließen, dass es schlichtweg keine Bienen gibt, die die Nisthilfe besiedeln könnten.
- Standort: Viel wahrscheinlicher ist, dass der Standort für Wildbienen nicht optimal ist. Wildbienen bevorzugen sonnige Orte, die gleichzeitig vor Regen und übermäßigem Wind geschützt sind. Die Nisthilfe sollte deshalb möglichst nach Süden ausgerichtet sein und nicht von Bäumen, Gebäuden oder dem Dach der Nisthilfe beschattet werden.
- Materialwahl: Daneben könnten ungeeignete Materialien die Wildbienen vom Nisten abhalten. Zu weiches oder rissiges Holz oder Röhrchen mit Splittern werden nicht gut angenommen, da Weichholz Feuchtigkeit speichert und die Bienen sich an den Splittern beim Schlüpfen die empfindlichen Flügel zerreißen können.
- Unpassende Lochgrößen: Verschiedene Wildbienenarten haben unterschiedliche Vorlieben was die Größe der Hohlräume angeht. Kleine Hohlräume (2-4 mm) werden von kleineren Arten besiedelt, diese sind jedoch deutlich seltener als die zwei häufigen Mauerbienenarten, die Durchmesser von 6-9 mm bevorzugen. Lochziegel mit Durchmessern von 2 cm oder mehr werden grundsätzlich nicht besiedelt - es sei denn diese werden mit Bambusröhrchen passender Größe befüllt.
- Ungünstige Jahreszeit: Die einzelnen Wildbienenarten sind nur wenige Wochen aktiv und die meisten hohlraumbewohnenden Arten nisten im Frühjahr oder Sommer. Werden die Nisthilfen erst im Sommer oder Herbst aufgestellt bzw. -gehängt, werden sie unter Umständen erst im kommenden Frühjahr durch die frühen Mauerbienenarten besiedelt.
- Zu viel Störung: Die Nisthilfen sollten nach dem Errichten möglichst wenig bewegt werden. Auch Störungen durch ständiges Beobachten oder die damit einhergehende Beschattung kann die Bienen dazu veranlassen, einen geeigneteren Nistplatz zu suchen.
Hilfe, meine Nisthilfe wird von Anderen besiedelt - was tun?
Bei Nisthilfen kann es vorkommen, dass auch andere Insekten wie Wespen und Fliegen oder Spinnen Interesse zeigen. Das Spektrum reicht von Insekten, die einfach nur einen geschützten Ort zum Rasten oder Nisten suchen, bis hin zu Parasiten, die Wildbienen befallen oder Räubern, die sie fressen möchten. Eine Begegnung mag im Einzelfall tragisch für die einzelne Wildbiene enden. Letztendlich ist aber auch das Fressen-und-gefressen-Werden ein Teil des natürlichen Netzwerks. Und auch Wespen, Fliegen und Spinnen haben ihre Daseinsberechtigung und erfüllen wichtige Funktionen im Ökosystem.
Fun Fact
Mauerbienenweibchen lassen die äußerste Brutzelle oftmals leer. Dies dient dem Schutz gegen Parasiten oder hungrige Vögel, die sich im besten Fall (für die Biene) nach dieser leeren Brutzelle ihren Wirt oder ihr Fressen woanders suchen.
Muss ich meine Nisthilfe reinigen?
Hier sind sich die Expert*innen noch nicht vollkommen einig. Eines ist jedoch sicher: Verschlossene Brutzellen sollten niemals geöffnet werden. Gänge, die in einem Jahr nicht besiedelt wurden und keinen Nistverschluss haben, können im Winter (bis Ende Februar) vorsichtig von Kokon- und Lehmresten befreit werden. Allerdings ist hier Vorsicht geboten: Der äußerste Nistverschluss und damit die äußerste Brutzelle könnten im Winter einem hungrigen Vogel zum Opfer gefallen, die hinteren Brutzellen der Röhre allerdings noch intakt sein und dürfen bei der Reinigung nicht zerstört werden. Um zu entscheiden, welche Nistgänge nicht mehr besiedelt sind, ist eine aufmerksame Beobachtung der Nistaktivität im Frühjahr und Sommer unerlässlich. Wird eine ehemals heiß begehrte Nisthilfe nach wenigen Jahren nicht mehr besiedelt, empfiehlt Wildbienenexperte Paul Westrich, die Nisthilfe Ende Februar in einen dunklen Karton zu legen, der lediglich ein 1-2 cm großes Ausflugloch besitzt. Damit finden die schlüpfenden Wildbienen ihren Weg nach draußen, finden die Nisthilfe aber in den meisten Fällen nicht mehr attraktiv. Sobald alle Bienen geschlüpft sind, kann die Nisthilfe gereinigt werden und ist im darauffolgenden Jahr wieder bereit für die Besiedlung.
Was ist noch zu beachten?
Die Nisthilfe darf im Winter nicht nach drinnen genommen werden. Wann die richtige Zeit zum Schlüpfen ist, machen Wildbienen an der Außentemperatur fest - anders als Pflanzen, die sich hauptsächlich an der Tageslänge orientieren. Werden Nisthilfen zum Überwintern nach drinnen genommen, verwirren die ungewöhnlich hohen Temperaturen die Wildbienen, die in Folge viel zu früh in der Wohnung oder im Keller schlüpfen, aber draußen in der Natur noch keine Nahrung finden.
Sind Nisthilfen die Lösung für das „Bienensterben”?
Nisthilfen sind keine Lösung, um das Bienensterben großflächig aufzuhalten. Nisthilfen fördern nur ca. 20 (3,3 %) der 604 in Deutschland nachgewiesenen Arten. Dazu kommt, dass sie für die meisten der wirklich bedrohten Arten unbrauchbar sind, denn drei von vier Wildbienenarten legen ihre Nester im Boden an. Aber eine Unterstützung für die Wildbienen sind sie allemal und die Auseinandersetzung mit der Natur durch intensives Beobachten der fleißigen Bienen ist insbesondere für Kinder ein faszinierendes Erlebnis. Jeder kann, darf und sollte Freude an seiner Nisthilfe haben.
Was kann ich noch tun, um den Wildbienen zu helfen?
- Nahrungspflanzen bereitstellen: Sorge dafür, dass in deinem Garten, auf deinem Balkon oder in deiner Stadt eine Vielzahl an bienenfreundlichen Pflanzen wachsen. Setze dafür auf einheimische Blumen, Sträucher oder Bäume, die den Bienen über das Jahr verteilt reichlich Nektar und Pollen bieten. Auch Blühmischungen sind eine beliebte Methode, jedoch sollte hier unbedingt auf einheimisches Saatgut geachtet werden!
- Weniger mähen: Statt ständigem Mähen in kurzen Abständen sollte nur zwei Mal pro Jahr gemäht werden. Damit haben Blütenpflanzen genug Zeit, um zu blühen und anschließend Samen zu bilden. Das Mähgut sollte abgetragen werden.
- Verzicht auf Dünger und Pestizide: Wildblumen bevorzugen nährstoffarme Böden. Deshalb schadet Dünger den Blumen eher. Insektizide sind im bienenfreundlichen Garten absolut tabu!
- Weitere Nistmöglichkeiten: Drei Viertel der heimischen Wildbienenarten nisten im Boden. Daher ist schon ein Stück Offenboden echter Wildbienenschutz! Die Stelle sollte möglichst gut besonnt sein und der Boden darf weder zu fest noch zu bröselig sein. Ungewaschener Sand ist als Material für Bodennister beispielsweise gut geeignet.
- Werde aktiv! Sprich mit Freunden, Familie und Nachbarn über die Bedeutung von Wildbienen und hilf ihnen, selbst zum Schutz und zur Förderung von Wildbienen beizutragen. Engagiere dich in lokalen Naturschutzprojekten oder unterstütze entsprechende Organisationen. Teile diesen Artikel – sharing is caring ;-)
Können Wildbienen stechen?
Kommt drauf an. Die Weibchen verfügen über einen Wehrstachel, den sie durchaus zur Verteidigung einsetzen können. Allerdings sind die meisten Wildbienen extrem friedfertig und zeigen, im Vergleich zu Honigbienen und manchen Hummeln, auch kein Verteidigungsverhalten, wenn man ihrem Nest zu nahe kommt.
Fun Fact
Anders als bei Honigbienen hat der Stachel der Wildbienen keine Widerhaken, Wildbienen können im Ernstfall also auch mehrfach zustechen, um sich gegen Räuber, Nestkonkurrenten oder sonstige Bedrohungen zur Wehr zu setzen.
Verfasser: M. Moser, S. Bigalk & S. Görn
Literatur zum direkt Nachlesen
In den Büchern von Paul Westrich:
- Paul Westrich: Die Wildbienen Deutschlands, 2. Auflage. Ulmer Verlag, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-8186-0880-4.
- Paul Westrich: Die anderen Bienen. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2014, ISBN 978-3-89937-136-9.
Praktische Gartentipps:
- Dave Goulson: Wildlife Gardening: Die Kunst, im eigenen Garten die Welt zu retten. Hanser, München, ISBN 978-3-446-26188-4. Unterhaltsames Buch mit Gartentipps und Rezepten.
- Ulrike Aufderheide: Tiere pflanzen. Pala, Darmstadt, ISBN 978-3-89566-388-8. Praktische Tipps für Lebensräume im Naturgarten.